Flügel
"WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. "
Rainer Maria Rilke
Duineser Elegien, die erste Elegie
» Rilke - Duineser Elegien
"I forget to pray for the angels
and then the angels forget
to pray for us."
Leonard Cohen
"Der Engel ist die Gestalt der Kraft des vergänglichen Augenblicks, der Kraft, die den Augenblick in seiner unwiederholbaren Einzigartigkeit verharren läßt, der ihn vom Kontinuum der Augenblicksabfolge befreit."
Massimo Cacciari
"Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst."
Walter Benjamin
Wohl oder übel: Kunsttexte
Dezember 2009
Kunsttexte - 4. berlin biennale 2006
Kunst kommt nicht von können, Schreiben nicht von Nachdenken
- Stilblüten sind immer möglich
- man kann auch immer mal einen schlechten Tag haben
- über Kunst zu schreiben, zumal über aktuelle, ist bestimmt nicht einfach
- es ist ein leichtes sich über Dinge lustig zu machen.
Gut, dies um die Götter gnädig zu stimmen.
Denn die Einführungstexte im Kurzführer der 4. berlin biennale 2006 sind kleine Kunstwerke der besonderen Art geworden. In der von den Kuratoren verfassten Einleitung zum Kurzführer wird uns beschieden:
„ Erwarten Sie in der Ausstellung keine Statistiken oder soziologische Ausführungen.“
Nein, das hätte man in einer Kunstausstellung auch nicht erwarten wollen. Allerdings hätte man vom Kurzführer der Ausstellung schon einige klärende Worte zu den jeweiligen Werken erwarten dürfen. Diese Erwartung wird in gewisser Weise auch nicht enttäuscht. Robuste Gemüter werden sogar überrascht davon sein, wie unterhaltsam, ja komisch die Texte sich entfalten.
Der Künstler Kris Martin hat in seiner Arbeit „My Days are Counted“ die Zahl der Tage, die von seiner Geburt bis zum Beginn der Ausstellung vergangen sind, im Ausstellungsraum anhand einer Strichliste aufgezeichnet.
„Während der Dauer der Ausstellung wird die Liste Tag für Tag erweitert.“
Soweit die Beschreibung. Jetzt aber folgt die überraschende Konklusion, von der man nicht genau weiß, woher sie sich speist
„Das Werk funktioniert als Beweis für Martins und unsere eigene Existenz.“ (S. 37)
Das Werk funktioniert – Ja fragt sich der Leser, funktionieren Kunstwerke denn, ist es eine Aufgabe von Kunstwerken zu funktionieren oder handelt es sich hier um eine besondere künstlerische Arbeit, die sozusagen das Funktionieren zum Thema hat? Aber die Arbeit funktioniert ja nicht an und für sich, sondern sie funktioniert als Beweis! Wenn die Arbeit als Beweis funktioniert, wäre es dann nicht einfacher zu sagen, dass die Arbeit ein Beweis ist, also
„Das Werk ist ein Beweis für Martins und unsere eigene Existenz.“
Genauso wie dieser Satz, könnten wir hinzufügen, sofern ich ihn jetzt schreibe und Sie ihn jetzt lesen. Nun, das wäre ziemlich trivial und so klärt uns dann der nächste Satz über das auf, was jenseits eines jedweden Beweises liegt.
„Doch das Rätsel liegt in der Beziehung der BetrachterInnen zum Werk und in deren Erleben der Entfaltung von Zeit im Raum.“ (S. 37)
Ja das Rätsel geht sogar noch weiter, weil es unsere Beziehung zu diesem Satz gleich mitumfasst. Und weiter geht’s. Nächstes Kunstwerk von Kris Martin: eine Anzeigentafel, die ihrer ursprünglichen Funktion beraubt ist und daher keine Information mehr anzeigt. Also:
„Und eben diese Entfremdung bietet uns die Gelegenheit, über das Fehlen festgelegter Grenzen nachzudenken, über den Anfang und das Ende der Zeitlichkeit.“ (S. 37)
Überhaupt scheint dem Kurzführer viel daran gelegen, dem Rezipienten die ungeheuere Potenz der Arbeiten mit auf den Weg zu geben.
„In seinen Werken erzeugt Wekua vielfache Reflexionen und Brechungen, die dazu zwingen, alles wieder zusammenzufügen, und so die persönliche Geschichte des Künstlers mit der eigenen zu verbinden.“ (S. 38)
Ganz naiv auch hier gefragt: Warum zwingen die Brechungen (so es denn welche sind) dazu, alles wieder zusammenzufügen? Aber es gibt auch Arbeiten die weniger zwingen, als dass sie uns mit ihrem Charme locken:
„Die selbstsichere Ausführung ihrer Werke und ihr nicht zu leugnender Charme verlocken die BetrachterInnen, ihre Zweifel zu überwinden und sich von ihrer geheimnisvollen, faszinierenden Welt gefangen nehmen zu lassen.“
Aber es geht auch handfester:
„Althamer gelingt es, den Traum der Avantgarde, Kunst und Leben zu verbinden. In die Tat umzusetzten.“ (S. 49)
Ja, ja, der Kunst gelingt so manches was im Akt des Schreibens mühsam erkämpft werden muss oder einfach rundweg misslingt. Mit dieser selbstkritischen Einsicht soll es hier seine Bewandnis haben.
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