Flügel
"WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. "
Rainer Maria Rilke
Duineser Elegien, die erste Elegie
» Rilke - Duineser Elegien
"I forget to pray for the angels
and then the angels forget
to pray for us."
Leonard Cohen
"Der Engel ist die Gestalt der Kraft des vergänglichen Augenblicks, der Kraft, die den Augenblick in seiner unwiederholbaren Einzigartigkeit verharren läßt, der ihn vom Kontinuum der Augenblicksabfolge befreit."
Massimo Cacciari
"Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst."
Walter Benjamin
trost 26-30
Dezember 2009
26
"Das Leben, dieser Erdenschranken satt,
Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen."
Shakespeare, Julius Cäsar
27
Bumerang
28
Klavier
29
Seil
30
"Trost: Das altgerm. Substantiv (...) gehört mit dem andersgebildeten got. trausti 'Vertrag, Bündnins' zu der unter treu dargestellten idg. Wortgruppe. Das Wort bedeutet demnach eigentlich 'innere Festigkeit', vlg. aisl. traustr 'stark fest'." (Duden Band 7, Mannheim 1989)
Es fällt schwer, beim Thema 'Trost' nicht einen ironischen oder gar zynischen Tonfall anzuschlagen. Denn im 'Trost' und im 'trösten' schwingt immer sogleich eine Performanz der Beschwichtigung mit, eine Beruhigung gleich der, die man kleinen Kindern zukommen läßt: "ist doch nicht so schlimm." Insofern könnte man annehmen, dass der gelungene Trost in einer engen Beziehung zur Ablenkung und/oder Umlenkung, kurzum der Täuschung oder gar der Lüge stündet. Diese Auslegung würde zum Beispiel durch die in dem Verb "vertrösten" mitschwingenden Konnotationen - "durch das Erwecken von Hoffnung hinhalten" - ja auch nahe liegen. Andererseits scheint sich diese Interpretation nicht mit dem "etymologischen Befund" zu decken, so man die ursprünglichere Wortbedeutung von Trost nämlich "innere Festigkeit" denn akzeptiert.
Wieso sollte jemand "Trost", also "innere Festigkeit" spenden, wenn er lediglich beschwichtigt. Diese "innere Festigkeit" wäre dann bestenfalls eine Selbsttäuschung und das Trost spenden eine Hilfestellung zum Selbstbetrug. Das was den Trost herausfordert, der Schmerz oder allgemeiner "ein" Verlust (der Übergang vom bestimmten zum unbestimmten Artikel deutet an, dass wir den Körper immer schon druchquert haben, um im - ambivalenten! -Feld des Symbolischen zu landen) würde sich früher oder später mit gleicher oder vermutungsweise noch größerer Heftigkeit wieder einstellen. Gehen wir davon aus das Trost mehr ist als ein Betrug. Man könnte zum Beispiel annehmen, dass Trost mit und in einem gemeinsamen Erfahrungshorizont stattfindet: "Was dir widerfahren ist, habe auch ich durchlebt, ich weiß." Implizit heißt diese Mit-teilung auch: sieh her, ich lebe noch, ich habe mich nicht unterkriegen lassen.
Selbst wenn wir die Problematik des "gemeinsamen Erfahrungshorizonts" unberücksichtig lassen, könnte man sich fragen, worin denn das Tröstende bei dieser Art des Trostes zu finden ist. Weder ist es eine Beschwichtigung noch handelt es sich um eine Anleitung zu einer Überwindung. Denn ein Verlust wäre kein wirklicher Verlust, wenn er einfach durch etwas Vorhandenes / durch eine Präsenz gefüllt werden könnte, so als ginge es nur darum, den richtigen Weg zur Verlustbeseitigung zu zeigen. Besteht Trost also aus einer Verheißung, die nichts weiter verheißt als die Möglichkeit der Überwindung des Verlustes: "Du mußt deinen eigenen Weg finden, aber du kannst es schaffen." Allein, wer könnte sich anmaßen, mit seiner eigenen Erfahrung für diesen Satz zu bürgen, wer könnte als Tröster von sich sagen, es geschafft zu haben?
Vielleicht ist Trost nichts weiter als die innerlich gefestigte Mit-Teilung über einen Verlust, den man ausgesetzt wird und der nicht zu umgehen, der nicht zu beseitigen ist , von dem man letztendlich nicht einmal wünschen darf, dass er verschwindet. So würde der Kindertrost "es ist nicht so schlimm" seine eigentliche Wahrheit in einem unausgesprochenen, da unbegreiflichen "es ist noch viel schlimmer" tragen. Und irgendwann kommt der Punkt, wo Trost nur stattfinden kann, wo Beschwichtigung, Überwindung und Selbstgewißheit aufhören: Gemeinsames Aushalten. (Nachtrag: das was verbindet ist nie etwas positives, es gründet immer auf Verlust; aber dies weiß im Grunde jeder)
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