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Zu: Robert Menasse: Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung

Dezember 2009

Robert Menasse 2005
In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sprach Robert Menasse 2005 in einer sehr politischen Art und Weise von dem Zustand unserer Welt. Als kleines Suhrkampbändchen unter dem Titel "Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung" kann man die Reden nachlesen. Auch wenn nicht alle politischen Einlassungen überzeugen können, muss man generell dankbar dafür sein, wenn jemand, der nicht von Berufswegen mit Politik befasst ist, das Politische ins Zentrum seiner Überlegungen rückt (genau genommen, sind es alleinig solche "Amateure", die überhaupt noch ernsthaft über das Politische und nicht nur über Politik sprechen können).

Im besonderen muss man Menasse dafür danken, dass er, ohne im Verdacht zu stehen, chauvinistische Ressentiments zu bedienen, die Entpolitisierung und Entdemokratisierung der derzeitigen Europäisierung anspricht. Man klebt das Etikett Europa auf alles und schon stellen sich schöne Gedanken an Frieden und Freiheit und im schlechtesten Fall an Bürokratie ein. Die Wahrheit liegt leider woanders, nämlich in einer gigantisch angelegten politischen Entmündigung. Menasse findet dafür deutliche und eindringliche Sätze.

Ich erwähne Menasse aber auch aus einem anderen Grund. Iim besagten Buch taucht ein sehr schönes Hegel-Zitat auft: S. 102

"Grabe einen Toten aus und befrage die Made, die an seinem Fleische nagt: Was der Pfaff am Grabe versprochen, hat sie eingelöst - das Leben nach dem Tode. Wäre sie begabt zu Glück, sie wäre dankbarer Christ. Wäre sie Mensch, sie wollte Pabst werden. Wäre sie Philosoph, sie würde Tinte ausscheiden, die vom Tod als einem Festmahl kündet. Der Mensch, der Christ, der Philosoph aber, sei alle sind aber im Gegensatz zu unserer Made unglücklich: weil sie leben und die Glückseligkeit erst im Tode erwarten. Sie sind unglücklich, weil sie der Tote sein wollen und nicht die Made."

Robert Menasse sagt dazu einige kluge Sätze, vorweg etwas über die Tragik und Größe des Totalitätsdenkens und über die dichterischen Qualitäten von Hegel. Zu diesem Stichwort fällt mir wiederum ein Gedicht von Heinz Erhard ein, das wie folgt geht:

Heinz Erhard - Die Made

Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.
Eines Morgens sprach die Made:
"Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb den wohl!
Halt, noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!"
Also sprach sie und entwich. -
Made junior aber schlich
hintendrein; und das War schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!
Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde ...

Dieser post-existentialisitische Ansatz ist zumindest - sagen wir mal - erfrischend. Und wer mag, kann anhand des Gedichtes bestimmt eine veritable Hegel-Kritik entfalten.

Robert Menasse: Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurter Poetikvorlesungen, Frankfurt/M. 2006


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